Braithschule
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Festvortrag zur 150-Jahrfeier der Braith-Schule 1996

in der Stadthalle Biberach

von Dr. Kurt Diemer

Wenn Biberach auch eine weit zurückreichende Schultradition vorweisen kann, wie die erste Erwähnung eines lateinischen Schulmeisters im Jahre 1287 belegt, so ist die Volksschule oder deutsche Schule, wie sie damals hieß, erst ein Kind der Reformation.

1529 wird mit Melchior Eschlinsperg aus Isny, der von Beruf Maler und um 1500 in München ansässig war, ein erster deutscher Schulmeister belegt. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts war dann das deutsche Schulwesen in Biberach voll ausgebildet: es gab eine evangelische Knaben- und eine evangelische Mädchenschule, eine Spitalschule für die Spitelkinder und seit 1598 auch eine katholische deutsche Schule vor allem für die deutschen Mädchen; die Knaben besuchten wohl überwiegend die Lateinschule, die seit 1588 ebenfalls konfessionell geteilt war.

Die Schulmeister der deutschen Schulen waren für ihren Beruf in keiner Weise vorgebildet: es “waren” wie Konrad Johann Krais in seiner Chronik schreibt Handwerker, die im Beruf und Vermögen zurückgekommen waren und auch verwandtschaftliche Beziehung in dem Lehrerberuf ihre letzte Hoffnung sahen. Die Ratsprotokolle der Reichsstadt sind voll mit Beschwerden über die Aufführung der Schulmeister. David Selzlin von Ulm, einem der bedeutendsten Katografen seiner Zeit, wurde so 1584 sein "großer Unfleiß und überflüssig Essen und Trinken mit Ernst untersagt und verwiesen". Die Besoldung - ein geringer fester Betrag und das von den Schülern zu entrichtende Schulgeld - war so kärglich, dass ein Spitalschulmeister in seiner Not von seiner Wohnung aus Löcher in die Kornbühne des Spitals bohrte und auf diese Weise Korn entwendete. Ein festes Schullokal gab es nur für die Lateinschule und die 1804 aufgehobene Spitalschule.

Die meisten Lehrer unterrichteten in ihren Wohnungen. So erklärte der Rat 1667 dem Mädchenschulmeister Tobias Storer, er solle das Schulhaus, Tische und Bänke der Witwe und seines Vorgängers abkaufen.

Wie überall stand auch in den reichsstädtischen Schulen bei den Lerngegenständen der Religionsunterricht im Vordergrund; er bestand zunächst aus dem Auswändiglernen des Katechismus, zahlreicher Bibelsprüche und Gesangbuchlieder. Lesen wurde nach der Buchstabiermethode gelernt. Der Rechenunterricht der deutschen Schulen beschränkt sich auf die Grundzüge der vier Rechenarten. Entsprechend gering war auch der Lernerfolg, zumal es keinen Schulzwang gab und der Besuch der Schulen freiwillig war. Eine neue Zeit kam mit der Eingliederung Biberachs in das Königreich Württemberg. Im Volksschulgesetzt von 1836 wurde das Volksschulwesen erstmal einheitlich und umfassend geregelt. Jedes Kind war nun vom 6. - 14. Lebensjahr schulpflichtig, auch wurden die Forderungen an die Vorbildung der Lehrer gesteigert.

1858 wurden dann auch Frauen zum Schuldienst zugelassen. Die Birkendorfer waren übrigens in dieser Hinsicht der Zeit weit voraus: Bereits im Jahr 1616 unterrichtete dort mit der Lehrerstochter Magdalena Engelhard eine Frau.

Schon im 19. Jahrhundert hatte Biberach Glück, fortschrittliche Lehrer zu besitzen, die sich dem Neuen öffneten. Nachdem bereits 1835 durch den Biberacher Maler Karl Göser und später durch Johan Baptist Pflug ein freiwilliger Zeichenunterricht eingeführt worden war, wurden seit 1847 die Schülerinnen und Schüler lehrplanmäßig im Freihandzeichnen unterrichtet, für die Schüler kam dazu noch Raumlehre. Bubenturnen wurde 1852, Handarbeit 1898 und Mädchenturnen 1910 ordentliches Lehrfach. 1856 wurde der Versuch gemacht (für vier Jahre), den Schülerinnen und Schülern wegen des starken Marktverkehrs am Mittwoch freizugeben und dafür am Samstag ganztägig zu unterrichten.1857 verlegte man die Herbstferien vor, um die Kinder angesichts der Mäuseplage früher zum Mäusefangen und Mäusevertilgen verwenden zu können.

Die bereits schon 1807 verfügte Einführung des Schulzwangs brachte in Biberach große Probleme, gab es damals doch bei 4500 Einwohnenern nur drei deutsche Schulmeister, und auch die Schulräume waren für die vielen Schülerinnen und Schüler viel zu klein. Auf das alte Schulhaus am Kirchhof, das heutige Gemeindehaus St. Maria, welches ursprünglich für katholische Knaben und später für Mädchen bestimmt war, wurde deshalb 1810 ein Stockwerk aufgesetzt, um eine evangelische Mädchenklasse unterzubringen. Dafür veräußerte man das 1788 angekaufte evangelische Mädchenschulhaus Badgasse 31, das später dem Maler Johann Baptist Pflug gehörte. Die evangelische Knabenschule hatte vorerst im Haus Zwingergasse 5 genügend Raum. 1828 mussten dann die beiden Schulstuben für evangelische Mädchen zusammengelegt werden, dem Provisor wurde nach langem Suchen im November 1829 die alte Ratsstube im Alten Rathaus zugewiesen, wo diese Klasse bis 1824 blieb. 

Durch die wachsende Schülerzahl war die Stadt aber schließlich gezwungen, ein neues Schulhaus zu erstellen. Dieses Schulhaus, das Knabenschulgebäude oder - wie seit 1945 bezeichnet - die Braith-Schule, wurde im Jahr 1848 durch den Oberamtsbaumeister Spindler auf dem Grund und Boden des 1516 abgebrannten Salemer Klosterhofes gebaut und dafür die katholische deutsche Schule in der Waaghausstraße 4 verkauft. Aus Anlass der Einweihung der neuen Schule, die im übrigen im Eigentum der Gemeinschaftlichen Kirchenpflege stand, am 27. Juli 1948 erhielt jedes die deutsche Schule besuchende Kind auf Kosten der Stadtkasse eine Drei-Kreuzer-Brezel.

Ursprünglich waren 7 Schulzimmer und 2 Lehrerwohnungen vorgesehen, doch mussten diese Dienstwohnungen schon 1870 für fünf weitere Schullokale frei gemacht werden. Am 20. Januar 1891 brach in der Braith-Schule ein Kaminbrand aus, der für einige Monate die Benützung der Schullokale im östlichen Flügel unmöglich machte. Die einzelnen Klassen fanden in der Zwischenzeit im alten Spital und im Ochsenhauser Hof notdürftig Unterkunft.

Gegen Ende des 19.Jahrhunderst herrschte aber bereits wieder Schulraumnot, obwohl einige Klassen im Alten Spital untergrbacht waren. Von 1906 - 1907 wurde deshalb die heutige Pflug-Schule in der Wieland-Straße gebaut. Dieses Gebäude, früher meist als “Mädchenschulhaus” benannt, enthielt 12 Schullokale sowie einen Zeichen- und Handarbeitsraum im Hauptbau und im südlichen Flügel die Mädchenoberschule, die Vorläuferin des heutigen Petsalozzi-Gymnasiums. Schon 1923 musste dort der Hauptbau gegen Norden verlägert werden, um drei weitere Schullokale und Unterrichtsräume für die Haushaltungsschule zu gewinnen. Die Schulraumnot nach dem 2. Weltkrieg - als Braithschüler wurde ich mit meiner Klasse in die Pflugschule ausgelagert, machte dann den Bau weiterer Grundschulen notwendig. 1963 - 1965 erstellt die Stadt die Birkendorf-Schule, 1964 - 1968 die Mittelberg-Schule und 1970 die Gaisentalschule.

Seit 1588 gab es in Biberach die Trennung der deutschen Schulen nach Konfessionen. 1936 führten die Nationalsozialisten die Gemeinschaftsschule ein. Somit waren in der Braith-Schule die Grunschulklassen, in der Pflugschule die Oberklassen untergebracht. 1942 wurde die Hauptschule als gehobene Grundschule mit einer Fremdsprache geschaffen. Die Verfassung des Landes Württemberg-Hohenzollern aus dem Jahre 1947 stellte die Schulreform dann in das Ermessen der Erziehungsberechtigten. Bei der Schulwahl am 12. Dezember 1947 gaben die Wahlberechtigten in Biberach 1827 Stimmen für die katholische Bekenntnissschule ab, 670 für die evangelische Bekenntnisschule und 639 für die christliche Gemeinschaftsschule. Auf Grund des sogenannten “Aschermittwochgesetzes” vom 8. Februar 1967 wurden die damals wieder eingerichteten Konfessionsschulen wieder in christliche Gemeinschaftsschulen umgewandelt.

Für die Grundschulen war es ein weiter Weg von der deutschen Schule des 16. Jahrhunderts bis in unserer Zeit, von den wenigen elementaren Schulfächern bis zum reichlich gegliederten Stoffplan von heute, vom mechanischen Drill und blossen Auswendiglernen hin zum verstandesmäßigen Erfassen des Lehrstoffes in kindgemäßer und anschaulicher Form. “Hosenspanner” und “Tatzen” sind für die heutigen Schüler Fremdwörter. Und so bleibt mir am Ende dieses Referats nur, der Braith-Schule zu ihrem stolzen Jubiläum herzlich zu gratulieren und ihr für die kommenden Jahre und Jahrzehnte alles Gute wünschen. Mögen die Sparmaßnahmen nicht so weit gehen, dass die Lehrer wie Weiland, ihr Kollege die Kornbühne des Spitals anbohren müssen.

 

Dr. Kurt Diemer